25. Februar 2020

(Zu).Ver.z(S)icht.

 

 

 

 

Morgen beginnt die Fastenzeit. 40 Tage. Ohne. Ja, ohne was? Fasten hat mit Verzicht zu tun.

Was verbinden Sie mit Verzicht? Schreiben Sie 5-10 Dinge auf, die Sie mit Verzicht verbinden. Sind sie eher positiv oder eher negativ? Hätte Verzicht eine Chance bei Ihnen? Oder eher nicht?

Ich verzichte auf vieles, was unsere Konsumgesellschaft mir anbietet. Das scheint mir nicht der Rede wert. Denn ich will es gar nicht haben, all das Bunter, Höher, Weiter. Bewusst verzichten halte ich für etwas anderes, es bedeutet für mich: ich könnte und ich möchte, doch lasse ich es sein. Das ist manchmal richtig schwierig. Ich brauche eine starke innere Motivation, um über einen längeren Zeitraum Nein zu etwas zu sagen, was ich gerne haben möchte. Mich nicht verführen zu lassen von seiner Verfügbarkeit.

„Zuversicht. 7 Wochen ohne Pessimismus.“ Das hat die Evangelische Kirche in diesem Jahre ausgerufen (7 Wochen Ohne). Halleluja! Was für eine großartige Herausforderung! Denn wenn etwas in Übermaß verfügbar und auch noch kostenlos zu haben ist, dann Pessimismus und Negativität. Ich habe manchmal den Eindruck, Pessimismus und Negativität seien die Volkssportarten mit den meisten Vereinsmitgliedern. Ich will das jetzt gar nicht weiter vertiefen, denn die Liste ist endlos, wo überall wir mit Pessimismus und Negativität konfrontiert sind und dazu beitragen, dass diese Vereine weiter wachsen und wachsen….  Ich möchte an diese Stelle nur darauf hinweisen, dass es bei schwierigen schlechten Nachrichten zu einer sekundären Traumatisierung derer kommen kann, die die Nachrichten hören/sehen, ohne dem auslösenden Ereignis tatsächlich dabei gewesen zu sein. So sehr werden wir von den Katastrophen der Welt beeinflusst. Unser autonomes Nervensystem reagiert, ob wir das beabsichtigen oder nicht.

Wie oft sind Sie jeden Tag mit Negativität und Pessimismus konfrontiert? Wie oft hören/sehen Sie Nachrichten? Wie sehr klagen Sie über den Zustand der Welt und die Rücksichtslosigkeit Ihrer Zeitgenossen im allgemeinen und im besonderen? Und die Unwägbarkeit des Wetters?

Seien Sie ehrlich!

7 Wochen ohne Pessimismus. 7 Wochen ohne Befürchtung, es werde später bestimmt noch regnen, die schwierige Kollegin werde auch heute wieder schwierig sein, der Zug könnte davon fahren, das Kind werde Bronchitis bekommen, das Grundwasser werde untrinkbar von Pestiziden belastet sein, der Klimawandel werde die Lebensmittel unendlich verteuern. Was fällt Ihnen noch zum Pessimismus ein?

Was ist Ihr persönliches Lieblingsranking im Negativen?

Schreiben Sie 5-10 Dinge auf, bei denen Sie regelmäßig schwarz sehen!

Die evangelische Kirche lädt nicht nur ein zum Pessimismus Fasten, sondern darüberhinaus zum Zuversicht pflegen ein. Wie soll das gehen?

Hier eine kleine Fastenhilfe:

  1. Werden Sie sich darüber klar, in welcher Weise Sie zu Schwarzsehen und Negativität  beitragen. Manche Menschen sind gerade zu süchtig nach dem Klagen über das Elend der Welt. Auf einer Skala von 0 -10 (0 = frei von Pessimismus/10 = extrem pessimistisch): wo würden Sie sich im Moment einordnen?
  2. Verurteilen Sie sich nicht für Ihren Hang zum Pessimismus. Stellen Sie lediglich fest, wie es gerade ist. Dadurch lockern Sie bereits Ihre negative Sicht auf sich selbst (Ich sollte anders sein, als ich bin, ich kriege es nicht hin, etc.). Es ist, wie es ist. Setzen Sie Ihre Intention, für die nächsten 7 Wochen in einem bestimmten Umfang auf Pessimismus zu verzichten. Und wenn Sie nur aufhören, sich über das Wetter zu beklagen, ist das schon ein großartiger Beginn.


    Kultivieren Sie Zuversicht. (Und machen Sie was aus dem Verzichts Buchstabensalat :-)). 

    Wie?

    Z.B.: Indem Sie sich an dem freuen, was gut läuft. Morgens der Duft des Kaffees, mittags der Gesang der Amsel, abends der Mond am Himmel, in all seinen unterschiedlichen Formen. Die Welt bietet uns endlose Möglichkeiten, ihre Schönheit zu entdecken. Vielleicht führen Sie ein Freudetagebuch und schreiben jeden Tag, bevor Sie ins Bett gehen, 3 Dinge auf, die gut gelaufen sind, die Sie erfreut haben während des zu Ende gehenden Tages. Kleben Sie Bilder, Karten, Fotos dazu. Dieses Album wird Sie erfreuen, wenn Sie es füllen. Und es wird Ihnen helfen, wenn es Ihnen nicht so gut geht und Sie darin blättern. 

    Oder, z.B.: indem Sie sich mit guten Nachrichten füttern statt mit den Weltkatastrophen, auf die Sie keinen unmittelbaren Einfluss nehmen können. Probieren Sie z.B. Good News aus, den täglichen Newsletter mit guten Nachrichten (Good News). Oder, für Englischsprechende, abonnieren Sie die digitale Sonntagszeitung von Maria Shriver (The Sunday Paper).

    Was bringt das?

    Wir Menschen haben eine „negative Voreinstellung“ in unserem Gehirn, das hat unseren Vorfahren beim Überleben geholfen: lieber glauben, dass auf dem Weg eine Schlange liegt, auch wenn es ein Stock sein könnte. Dann birgt der Irrtum kein tödliches Risiko. Auf unseren heutigen Wegen liegen selten Schlangen, doch betragen wir uns oft so, als sei dies der Fall. Deshalb erinnern sich die meisten Menschen an negative Ereignisse eher und länger als an positive. Die gute Nachricht: unser Gehirn lässt sich umstrukturieren. Wir können die negative Voreinstellung verwandeln. Durch stete Übung schaffen wir neue neuronale Strukturen für die Art und Weise, wie wir die Welt sehen und auf die Welt reagieren. Also: hören Sie auf, das Negative zu wiederholen, pflegen Sie die Zuversicht. Und dann können Sie sich mit neuer Kraft und einem neuen Blick den brennenden Themen unserer Zeit zuwenden.

    Viel Spaß bei 7 Wochen Ohne. Mit Zuversicht.

    Herzliche Grüße

    Eva Scheller