19. Dezember 2019

Weihrauch. Myrrhe. Gold.

In ein paar Tagen ist Weihnachten. Mir geht es jedes Jahr ähnlich: ich habe das Datum im Kopf und im Kalender, möchte früh möglichst allen Menschen, die mir am Herzen liegen, schreiben (und in dem ein oder anderen Fall auch Geschenke verschicken). Ich möchte zu Hause ein paar Zweige, Kugeln und glitzernden Nippes hängen, stellen, legen. Und dann inmitten meiner vertrauten und gleichzeitig ungewohnten Umgebung die passenden Karten, Worte, Schleifen finden und all diese Schätze in aller Ruhe zum Postamt tragen. Und was passiert in verlässlicher Regelmäßigkeit alle Jahre wieder? Die Zeit ist weg. Ich meine die Zeit, von der ich dachte, ich hätte sie, um sie mit vollen Händen für vorweihnachtliche Pläne auszugeben. Sie ist verschwunden im Terminkalender. Aufgebraucht von unvorhergesehenen Ereignissen und Unaufschiebbarem. Gerade im Dezember findet sich Unaufschiebbares und Unvorhergesehenes zu Hauf. Als müsste vor Jahresende das mir persönlich zugedachte Kontingent unbedingt noch abgearbeitet werden. 
Und so finde ich mich bangend, ob die Post rechtzeitig zum Fest ankommt. Streiche die Liste der Weihnachtspostempfängerinnen zusammen. Plane Neujahrsgaben und – grüße. Und bin enttäuscht. In meiner Vorstellung ist der Advent immer noch die Stille Zeit. Die Zeit der rotwangigen Plätzchenhitze in der Küche. Der Advents- und Nikolauslieder, die mein Großvater auf dem Klavier spielt. Des schier unendlichen – ja, damals war die Zeit unendlich und verschwand nicht einfach – des schier unendlichen Wartens aufs Christkind, das den funkelnden, mit brennenden Kerzen geschmückten Weihnachtsbaum brachte.
Vielleicht begreife ich dieses Jahr beim Nachdenken über das vorweihnachtliche Phänomene der verschwundenen Zeit endgültig, dass ihre Währung heute eine andere ist? Dass möglicherweise ich in den Wochen vor Weihnachten verschwinden müsste, um die Stille Zeit wieder zu finden?
Nach der Legende verschwunden sind vor über 2000 Jahren die Heiligen Drei Könige. Weit vor der ihnen geweissagten Geburt eines besonderen Kindes haben sie sich aufgemacht. Sie haben ihre alltäglichen Geschäfte hinter sich gelassen. Ihre Familien, ihre Freunde. Die Bequemlichkeit ihrer Betten und regelmäßiger Mahlzeiten. Sie machten sich auf –  um einem Stern zu folgen! Stellen Sie sich das vor: Ihre Intuition, innere Führung, Ihre Fähigkeit, Zeichen zu lesen, was immer Ihnen auch einfällt zu in unserer Zeit eher belächelten Methoden der Entscheidungsfindung, würde Ihnen gebieten, alles hinter sich zu lassen, um einem Stern in unbekannte Lande zu folgen, über Berge und Meere hinweg. Würden Sie diesem Gebot folgen, weil Sie sich sicher sind, obwohl alle Menschen um Sie herum an Ihrem Verstand zweifeln?  

Vor 2000 Jahren zu reisen bedeutete Ungewissheit, Strapazen, Entbehrung. Und wofür? Weswegen? Nicht, um Länder zu erobern oder im Namen eines furchtbaren Gottes Andersgläubige zu unterwerfen. Nicht, um den eigenen Ruhm zu mehren durch Entdeckung unbekannter Gegenden und Versklavung wilder Stämme. Um irgendwo einem neugeborenen Kind zu huldigen. Um an der Wiege einer neuen Weltordnung zu stehen,
Die Geschichte der Heiligen Drei Könige, die auch als die weisen Männer aus dem Morgenland, als Sterndeuter und Magier bezeichnet werden, fasziniert mich jedes Jahr aufs Neue. Ich sitze beim Studium meines Terminkalenders, schreibe Arbeitslisten für die demnächst beginnende Dekade. Und halte inne und sinne über diesen Aufbruch nach. Das Verschwinden aus den gewohnten Zusammenhängen. Den Mut, etwas Unerhörtem zu folgen. Ich glaube, das ist die Botschaft von Weihnachten. Sich einlassen auf etwas, das vorher nie gewesen ist. Wir begreifen das nur nicht mehr inmitten der ewig gleichen Werbebotschaften und unserer Atemnot im Jahresendzeitstress. Können Sie innehalten für einen Moment und für einen nächsten und sich einlassen auf etwas Neues? Auf ein paar Unbequemlichkeiten z.B.? Auf eine Revision dessen, wo Sie gerade stehen? Sind Sie zufrieden? Sind Sie mitunter vielleicht gar glücklich? Wohin möchten Sie aufbrechen? Wohin möchten Sie verschwinden? Die Gaben der drei weisen Männer waren Weihrauch, Myrrhe und Gold. Kostbarkeiten und gleichzeitig die wirkmächtigsten Heilmittel der damaligen Zeit. Was ist Ihre Medizin in diesen Tagen? Was heilt Ihr Herz, Ihren Geist?
Ich habe in meinem Terminkalender für das nächste Jahr die Woche vor Weihnachten für Termine gestrichen. Ich möchte herausfinden, ob die Zeit, von der ich meine, sie zu haben, auf diese Weise bleibt, anstatt zu verschwinden. Meine Medizin für die Fest- und Feiertage jetzt: mir Fragen zu stellen und dem zu lauschen, was der Verstand nicht weiß.

Fröhliche, friedliche Tage!
Herzliche Grüße

Eva Scheller