27. März 2020

Übers Wasser. Laufen.

Vor ein paar Tagen nehme ich den schmalen Band „Einfach meditieren – Übungen für ein gelassenes Leben“ zur Hand, den ich antiquarisch gefunden habe, und blättere darin. Auf den Autor Clark Strand, einen ehemaligen buddhistischen Mönch und Meditationslehrer bin ich in einem ganz anderem Zusammenhang gestoßen. Mit seiner Frau Perdita Finn hat er ein Buch veröffentlicht hat über den Rosenkranz als radikalen Weg des weiblich Göttlichen. Ehrlich gesagt, als ehemals bayerische Katholikin habe ich so meine Schwierigkeiten, mich dem Rosenkranz zu nähern. Und finde gleichzeitig, wenn nicht jetzt, wann dann ist die Zeit für radikal neue Ausrichtungen, für die Öffnung hin zu etwas, was der eigenen Lebenshaltung bislang nicht oder weniger vertraut war. Jedenfalls lässt mich meine Begegnung mit dem Thema Rosenkranz reflektieren, wo und wie stark ich im Griff meiner frühen Konditionierungen hänge.

Gott hat keine Religion, heißt es, Maria natürlich auch nicht, nur wir Menschen separieren uns, weil wir dem einen oder dem anderen oder gar keinem Glauben anhängen. An dieser Stelle möchte ich Sie fragen – was hat Sie im Griff? Wo wollen Sie nicht hinschauen? Was ist für Sie ausgeschlossen? Welche alten Strukturen, die Sie als Kind erfahren haben, beeinflussen heute noch Ihre Haltung und Ihre Entscheidungen?  Wäre es vielleicht an der Zeit, etwas Neues auszuprobieren oder zumindest in Erwägung zu ziehen? Ich lade Sie ein, darüber nachzudenken, sich mit Freunden auszutauschen, online, per Telefon oder ganz altmodisch per Brief. Das Leben im Außen ist beschränkt. Für das Innenleben gab es schon lange nicht mehr so viel Raum.

In „Einfach meditieren“ stellt Clark Strand die Frage, wie es uns gelingen kann, „leicht über die Oberfläche der Gegenwart (zu) gleiten, ohne zu Phantasieflügen abzuheben, aber auch ohne uns in Gefühle von Unglück und Angst zu verhaspeln.“ Als Antwort verweist er auf die Fähigkeit des Wasserläufers, trocken zu bleiben. Obwohl er auf dem Wasser lebt. Und über das Wasser. Läuft. Der Wasserläufer bleibt trocken, die Trockenheit trägt ihn. Würde das Wasser ihn beschweren, könnte er nicht mehr über das Wasser laufen, das Wasser zöge ihn hinein. Trockenheit, so philosophiert Strand, bedeutet nicht nur die Abwesenheit von Wasser, sondern auch Nüchternheit, Geradlinigkeit.

Ich weiß, viele Menschen leiden zur Zeit. An Schmerzen aufgrund von Krankheit, daran, dass sie nahestehende geliebte Andere verloren haben, vor dem Verlust ihrer wirtschaftlichen Existenz stehen oder sich ganz einfach fürchten, was noch alles kommen mag.

Dennoch: ist es möglich, in aller Nüchternheit für einige Augenblicke die Aufmerksamkeit vom eigenen Leid und dem Leid anderer abzuwenden? Und sich daran zu erinnern, dass wir unser autonomes Nervensystem durch ruhigen, gleichmäßigen Atem beruhigen können? Versuchen Sie folgendes: Atmen Sie sehr langsam ein, vielleicht zählen Sie dabei bis 4, 5 oder 6. Dann schürzen Sie die Lippen und atmen sehr langsam wieder aus, als würden Sie durch einen Strohhalm blasen. Wirkung: die Stress- und Angstmuster in unserem Gehirn beruhigen sich, der Parasympathikus, unser Entspannungs- und Ruhesystem, wird gestärkt. Solange wir im Angstmodus sind, ist das Bindungssystem automatisch heruntergefahren. Wir können uns also weder gut um uns selbst noch gut um andere kümmern. Wir sind nicht „im Trockenen“, es besteht die Gefahr, sich vom Wasser, also der Situation, in der wir uns gerade befinden, hinunter ziehen zu lassen.

Wenn wir uns dem zuwenden, was uns über das Wasser trägt, sei es Atem, Gebet, andere Formen von Meditation und Kontemplation, den Verbindungen zu Freunden und Familie, dem Neuerfinden von Projekten, die in der geplanten Wese nicht stattfinden können, dann entsteht so ein wunderbar berührendes Miteinander wie dies kleine Bach Konzert über Kontinente hinweg.  

Ich erinnere mich immer wieder daran, dass unsere Erde vom momentanen Stillstand profitiert. Und denke, mit jeder Minute, die wir nicht mehr grenzenlos reisen können, verbessert sich die Qualität der Luft. Dann fällt mein Blick mit grenzenlosem Erstaunen auf das leuchtende Gelb der Forsythie, das kühne Rot der wilden Tulpen. Es gibt eine Minute und die nächste und die übernächste, dann öffnet sich ein Blütenkelch. Am Abend schließt er sich. Und ich sehe schon den späteren Garten, die hohen weißen Tulpen, die im Mai blühen werden. Etwas fängt an, dauert, endet. So werden sich auch diese nie dagewesenen Umstände ändern. Ein Atemzug. Der nächste. Wir wissen nicht, was kommt. Doch sollten wir lernen, trocken zu bleiben, um übers Wasser zu laufen. Und gerüstet sein. Für den nächsten Schritt. Und den nächsten.

Mögen alle Wesen glücklich sein.
Mögen alle Wesen gesund sein.

Herzliche Grüße
Eva Scheller