28. Januar 2020

Stehen auf den Schultern unserer Vision

Meine Freundin hat mich beauftragt, an ihrem Geburtstag über Visionen zu sprechen. Es war tatsächlich keine Bitte, sondern ein Auftrag. Und dann lachte sie. Und ich lachte ebenfalls. Und sagte ja. Und ich fing gleich an zu denken.
Was sind Visionen? Was bedeutet es, Visionen zu haben? Eine Idee, ein Ziel, etwas, das hinaus weist über das, wo wir uns gerade befinden. Das mehr ist, als eine vorübergehende Träumerei. Das die Möglichkeit beinhaltet, eines Tages genau dort zu sein. Im Zentrum. Manche Menschen sagen, was wir als größere Vision unseres Lebens sehen, gibt uns einen Hinweis auf unser einzigartiges Geschenk an die Welt. Auf den Sinn unseres Lebens.  

Haben Sie Visionen? Sehen Sie eine Idee von sich selbst, die anders, größer ist als das Leben, das Sie gerade leben? Erlauben Sie sich so eine Idee und erlauben Sie der Vision, sich zu entfalten? Oder kommt gleich die „Stimme der Vernunft“ und zählt auf, warum es unmöglich ist? Wie verläuft dieser Dialog? Wer gewinnt?

Ich habe im Jahrbuch der Lyrik ein Gedicht von Klaus Merz gefunden:

Schauer und Gewitter

Diese schwülen Julitage
sie tauchen dich ein in den
Schweiß deiner Vorfahren.

(Abends kehrten sie heim
Die Sense geschultert
über das auskühlende Land
in Hemden hart von Salz).

Und der Donner an deinem Ohr
er bleibt ein gestriger Donner
blasser Nachhall der grossen
Kindheitsgewitter.

Das Gedicht zeigt uns die Wurzeln. Da kommen wir her. Aus dem Schweiß unserer Vorfahren. Und tatsächlich hören wir lange den gestrigen Donner unserer Herkunftsfamilien. Diese Kindheitsgewitter, die in manchen Fällen sehr nachhaltig und nicht zum Besten unsere Lebenswege begleiten. Manchmal gilt es vieles zu heilen, bevor wir uns der großen Vision unseres Lebens zuwenden können. Und es gilt anzuerkennen, wo wir herkommen. Die salzharten Hemden zu ehren, die uns das Leben geschenkt haben. Nicht für das, was uns zugefügt wurde, sondern für unsere Existenz. Wenn wir nehmen, was uns in die Wiege gelegt wurde, im Guten wie im Schlechten, wenn wir anerkennen, heilen, verwandeln, wächst uns die Kraft zu, auf den Schultern unserer Visionen zu stehen und in den Himmel hineinzuwachsen.

Louise Hay hat gesagt: „Heute ziele ich auf die Sterne. Wenn ich sie nicht treffe, lande ich immerhin auf dem Mond.“

Ich glaube, das ist unsere Lebensaufgabe. Die Türen und Fenster öffnen, damit der frische Wind der Vision vom vollkommen entfalteten Sein den Staub der Routine und des Zweifels aus dem Haus hinaus wehen kann.

Seien Sie wagemutig! Seien Sie tollkühn! Verbinden Sie sich mit Menschen, die an Sie glauben. Tun Sie einmal in der Woche etwas, was Sie in dieser Weise noch nie getan haben. Erlauben Sie sich, zu wachsen.

Herzliche Grüße

Eva Scheller