10. August 2019

Schlafen. Lesen. Laufen.

Diese Nacht habe ich nicht besonders gut geschlafen. Zuerst konnte ich über Stunden nicht einschlafen, dann wachte ich früh auf. Und stand schließlich auf. Ging in den Garten, fütterte die Vögel, legte meine Meditationsmatte unter den Walnussbaum.
Ich weiß, auch mit nur 3 oder 4 Sunden Schlaf können Menschen ganz gut funktionieren. Zumindest für ein paar Tage. Wobei frau mit Übermüdung wohl eher keine ausgiebigen Autofahrten unternehmen sollte. Und wenn das Schlafthema chronisch ist, verlangt unser Körper, dass wir uns kümmern. Jedenfalls: wir sterben nicht von 1 oder 2 oder 3 Nächten Schlafmangel. Oft aber fühlt es sich genau so an, wenn die Zeit fortschreitet und Schlaf sich nicht einstellt. Ich weiß, wovon ich rede. Ich habe jahrelang unter Schlafstörungen gelitten. Ich war geradezu hysterisch, wenn es um meinen Schlaf ging. Die Angst, nicht schlafen zu können, folgte mir überall hin und alles um mich herum musste sich dem Theater, das ich ums Schlafen inszenierte, beugen. Auch der Schlaf. Denn wenn du wach liegst und der Hysteriepegel steigt, fährt der Sympathikus hoch, Stresshormone fluten das System – es geschieht jedenfalls das Gegenteil von Entspannung. Als ich anfing, ausgiebiger zu meditieren, habe ich mich schon mal um 3 Uhr nachts auf mein Kissen gesetzt und für eine halbe Stunde meditiert. Danach konnte ich meist schlafen. Wenn ich heute wach liege, erkenne ich zunächst an, dass jetzt an Schlaf erstmal nicht zu denken ist. Dann sage ich mir, früher oder später wirst du einschlafen. Ich überlege, wie der Tag, der vor mir liegt, aussieht und ob es zwischen der Arbeit vielleicht Ruheinseln gibt. Ich freue mich über eingeplante Pausen. Meine Arbeit bringt es mit sich, dass ich sehr präsent sein muss, viele Atemübungen mit den KlientINNen durchführe und massenweise Kräutertee trinke. Wenn ich ganz in meinem Körper anwesend sein kann, bin ich gut versorgt. Müdigkeit spielt dann meist keine Rolle.
Was sich geändert hat im Verhältnis zu den Hochzeiten meiner Schlafhysterie? Ich messe meinen nächtlichen Eskapaden keinen großen Stellenwert zu. Es ist, wie es ist.

Vergangene Nacht habe ich schließlich in einem Buch von Geneen Roth gelesen, das mich gerade sehr berüht und begeistert – „Fühle dich selbst und iss, was du willst“. (Titel der amerikanischen Originalausgabe – Women Food and God).
Die Autorin, die selbst eine lange leidvolle Geschichte mit dem Thema Essen durchlaufen hat, lehrt, wie durch das freundliche Hinwenden zu den und Annehmen der Gefühle, die mit Essen ohne Hunger betäubt werden, sich die Obsession ändert. Und sie schreibt auch, dass manche Menschen sich lieber ein Magenband legen oder Fett absaugen lassen, als sich der Aufgabe zuzuwenden, im eigenen Körper anwesend zu sein und zu fühlen, was gefühlt werden will, als Sprungbrett für Veränderung. Mit welcher Obsession wende ich mich ab, wenden Sie sich ab, von dem, was gerade ist?

Geneen Roth zitiert den buddhistischen Lehrer Stephen Levine, der sagt, Hölle bestehe in dem Wunsch, an einem anderen Ort zu sein als dort, wo man sich gerade befindet. Das machen wir eigentlich ständig im Leben, uns darüber aufzuregen, dass die Dinge sind, wie die Dinge so sind. Wir wollen nicht diese Ausgabe des Tages, wir wollen eine vermeintlich bessere. Wir wollen nicht diese Ausgabe unserers Selbst, wir wollen eine schlankere/klügere/jüngere/erfolgreichere Version haben. Hölle, dies alles, genauso wie nächtelange Kriege gegen Schlaflosigkeit. Weil ich heute schon so früh mit dem Beginnen meines Tages fertig war, konnte ich vor dem nächsten Termin in die Stadt sausen. Ich war etwas besorgt, ob es wegen Markt und generellen Wochenendeinkaufs nicht sehr voll sein würde. Ich habe die Sorge nicht vertieft, bin frisch drauf los und fand eine Kasse mit einer winzigen Schlange im Supermarkt, ein verwaistes Postamt und einen leeren Buchladen. Die Sonne schien, die Vögel sangen und ich folgte aufmerksam meinen energischen Schritten. Die Lust des Ausschreitens. Ich war einfach da, wo ich war.

Herzliche Grüße
Eva Scheller