3. Oktober 2018

Leute beobachten – Übung

Eckhart Tolle schlägt als kleine spirituelle Praxis vor, sich in ein Café oder einen Park zu setzen (Sie können jeden öffentlichen Ort wählen, an dem Sie sich ungestört für eine Zeit aufhalten können) und an diesem Ort Menschen zu beoachten. Das machen Sie vielleicht schon, wenn Sie die Gelegenheit dazu haben. Allerdings besteht ein Unterschied zwischen dem „gewöhnlichen“ Beobachten von Menschen und der Übung: Während Sie beobachten, beschränken Sie sich AUSSCHLIESSLICH auf das Beobachten. Genießen Sie die unglaubliche Vielfalt menschlicher Verhaltensweisen und menschlichen Daseins, seien Sie eine unschuldige Beobachterin, ein unschuldiger Beobachter. Beurteilen Sie nichts, was Sie sehen. Bemerken Sie, wann immer sich ein geistiger Kommentar einstellt und kehren Sie zum bloßen Beobachten zurück. Wahrscheinlich werden Sie am Anfang feststellen, wie schwierig es ist, keine innerlichen Kommentare abzugeben. Schlechte Frisur, schicke Friseur, schlechte Haltung, tolle Figur, was für ein Unsympath, was der wohl beruflich so macht, die sieht ja richtig unglücklich aus, warum der wohl so laut lacht, diese Jacke würde mir auch stehen etc. etc. etc. Wir begleiten nahezu ununterbrochen die äußeren Geschehnisse mit innerlichen Kommentaren. Und nicht immer ist uns das klar. Die Übung hilft uns, im Moment zu bleiben. Das wahrzunehmen, was wir gerade sehen – den Menschen, der an uns vorübergeht – und sonst nichts. Eckhart Tolle nennt das eine vergnügliche Praxis, Achtsamkeit in den Alltag zu integrieren.
Und wenn wir mit fremden Menschen geübt haben und das kommentarlose Beobachten nicht mehr so schwer fällt, wenden wir uns dem nächsten Schritt zu: die Menschen zu beobachten, die wir sehr gut kennen. Ist es möglich, vielleicht für eine Minute oder zwei, die Menschen, die uns nahe stehen, einfach nur zu sehen, ohne gemeinsame Geschichte, ohne Erwartung, ohne ihnen ein Ettikett anzuhängen? Können wir spüren, wie auf diese Weise etwas mehr Raum entsteht? Wie unser reaktives Handeln sich verändert?

Die Dinge ändern sich nicht. Du änderst die Art und Weise, wie du die Dinge betrachtest, das ist alles.
Carlos Castaneda