15. August 2019

Leben. Inmitten von Leben.

Ich sitze wieder unter dem Walnussbaum. Es ist schon nach 10 Uhr und der Tag hat diese perfekte Sommertemperatur. Der Genuss des Draußen Seins. Ab und an eine sanfte Brise. Links von mir beginnt es zu zirpen. In sehr gleichmäßigen Abständen. Und plötzlich zirpt es rechts von mir ebenfalls. Off beat. Schließlich setzt ein weiteres Insekt schräg hinter mir ein, mit einem etwas anderem Sound, als schüttele es ein gedämpftes Percussiongerät. Einen keulenförmigen Kürbis, gefüllt mit Streu. Ich denke an meinen Biologieunterricht in grauer Vorzeit…….. Grillen zirpen. Zirpen Heuschrecken auch? Ja! Männliche Heuschrecken zirpen ihr Liebslied, indem sie ein rauhes Bein über eine hervorstehende Ader ihres Flügels streichen. Auf meiner Wiese ist eine Partnerschaftsbörse in Gang. Und dann sehe ich sie – wie sie durchs Gras krabbeln, sich niederlassen und ihre Bogenfüße über die Geigenader streichen. So klein und so vollkommen.

Eine von der Universität Bielefeld 2012 veröffentliche Studie hat ergeben, dass das Liebeslied der Heuschrecken ganz unterschiedlich sein kann und zwar abhängig davon, ob sie in der Nähe von  menschengemachten Geräuschen (z.B. an einer befahrenen Straße) oder in einer ruhigen Gegend leben (https://ekvv.uni-bielefeld.de/blog/uniaktuell/entry/das_liebeslied_der_heuschrecke). Wir Menschen wissen ja mittlerweile genau, was wir an der Natur verändern (oder könnten es zumindest genau wissen). In großem Maße ist das deutlich sichtbar (Stichwort z.B. Hambacher Forst, den Greta Thunburg am 10. August 2019 besucht hat, das kam in den Nachrichten). Im Kleinen eher unbedacht. Wie das Balzverhalten der Heuschrecken.

Ein Freund hat mich aufmerksam gemacht auf Albert Schweitzers Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben. Der „Große Krieg“ (1. Weltkrieg 1914 – 1918) hatte gerade 10 Millionen Zivilisten und 9,7 Millionen Soldaten das Leben gekostet, Schweitzer selbst war von den Franzosen gemeinsam mit seiner Frau interniert worden, beide litten an schlechter körperlicher Gesundheit, Schweitzer zusätzlich an Depressionen. Angesichts dieser größtmöglichen Kathastrophe des Menschseins und seines persönlichen Leids formulierte Schweitzer eine neue Ethik. Dafür berief er sich in erster Linie auf die Vernunft, diese müsse jedem Menschen sagen: „Ich kann nicht anders als Ehrfurcht haben vor allem, was Leben heißt, ich kann nicht anders als mitempfinden mit allem, was Leben heißt. Das ist der Anfang und das Fundament aller Sittlichkeit.“

Ein zentraler Satz lautet: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“  Wenn ich anfange wahrzunehmen, wie das Leben um mich herum sich in der vollkommensten Form entfaltet, anpasst, entwickelt, kann ich gar nicht anders, als Ehrfurcht zu spüren. Ist das wahr? Kann ich das wirklich? Können Sie das wirklich?

Würden Sie das üben wollen?
Die Tierwelt scheint ein guter Anfang zum Üben, ganz sicher, wenn es um geliebte Haustiere geht. Das Übungsfeld wird größer, je kleiner die Tiere sind, weil sie uns unangenehm nahe rücken können – Spinnen, Mücken, Wespen, Fliegen. Und wie ist es mit Wölfen? Mit Hunden, die ihr Geschäft vor meiner Pforte entrichten……..? Kann ich die Ehrfurcht vor all diesen Wesen entdecken, kultiveren und sie als Mittlebende respektieren?
Der nächste Schritt wären Mitmenschen. Jedenfalls meine ich, dass Menschen eine größere Herausforderung für uns sein können als viele Tiere….  Nachbarn, Andersgläubige, Bettelnde, Fremde. Wie ist es mit denen, die Parkplätze wegschnappen, die Konkurrenten im Büro sind, mit marodierenden Soldaten in anderen Ländern oder autokratischen Politikern?
Kleine Anleitung:
1. Beginnen Sie mit dem, was Ihnen wirklich leicht fällt!
2. Konzentrieren Sie sich auf einen kleinen Auschnitt aus all diesem Leben, das leben will inmitten von Leben. Betrachten Sie die Wesen und erinnern Sie sich, sie möchten alle leben –  wie auch Sie selbst leben wollen. Sie möchten alle das in ihnen wohnende Potential aufs Höchste zur Entfaltung bringen. Selbst wenn sie  nicht über kognitive Fähigkeiten verfügen, das Leben in ihnen drängt die Raupen zur Entfaltung als Schmetterling, die Eichel zur Entfaltung als mächtiger Baum.
3. Üben Sie zunächst Respekt, wenn Sie Ehrfurcht zu hoch gegriffen/zu religiös finden.
4. Beobachten Sie, wie es Ihnen mit der Übung geht, machen Sie sich Notizen, tauschen Sie sich aus.
5. Üben Sie täglich.

Schweitzer hat seine Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben erstmalig 1919 in zwei Predigten in Straßburg vorgetragen. Die Resonanz war verhalten. Sein  Buch  – Die Lehre der Ehrfurcht vor dem Leben – gibt es als Einzelausgabe nur noch antiquarisch. Allerdings haben einige Autoren und Autorinnen auch im 21. Jahrhundert Bücher veröffentlich, die sich mit Schweitzers Ehtik auseinandersetzen.

Herzliche Grüße
Eva Scheller

 

Foto Heuschrecke von yanivmatza auf Pixabay