Plötzlich und mit atemberaubender Geschwindigkeit finden wir uns inmitten einer nie dagewesenen Zeit. 2020 wird wohl als das Jahr in die Geschichtsbücher eingehen, in dem die Welt zum Stillstand kam. Aber noch sind wir mittendrin und betroffen. Ich glaube dennoch, dass es hilfreich ist, immer wieder Abstand zu gewinnen und das Geschehen, so wie es sich entfaltet, von oben zu betrachten.

Der Geschichtenerzähler, Anthropologe und Aktivist Michael Meade stellt seit einigen Jahre auf unvergleichliche Weise die Entwicklungen in Gesellschaft und Politik in den Zusammenhang mit alten Mythen und Überlieferungen. Auch auf diese Weise kann es gelingen, ein größeres Bild zu sehen, das von den vielleicht vorhandenen persönlichen Befürchtungen zu größerer Gelassenheit führt. Meade zitiert in seinem letzten Essay einen Spruch, der dem mittelalterlichen Mystiker Johannes vom Kreuz zugeschrieben wird: „Wenn Menschen sich des Weges sicher sein wollen, auf dem sie gehen, müssen sie die Augen schließen und im Dunkeln wandern.“

Das ist die Herausforderung, der wir gerade gegenüber stehen. Wir kennen den Weg nicht. Keiner kennt den Weg, den wir gerade beschreiten. Doch können wir ihn kennenlernen, und zwar Schritt für Schritt. Von einem Atemzug zum nächsten Atemzug. Die Augen zu schließen, nach innen zu gehen, das ist eine uralte Methode, die innere Balance zu halten und wieder herzustellen. Ich glaube, es ist die Aufgabe jedes und jeder Einzelnen, dafür zu sorgen, dass weder die Verbindung nach innen, zum Ort unserer Ruhe und Kraft, noch zu unseren Mitmenschen, von denen wir getrennt sind, abreißt. Auch wenn die Art und Weise, wie wir unser Leben gestalten, durch äußere Beschränkungen verändert wird, wir haben immer noch die Oberhoheit über unsere Gedanken und Gefühle. Die Balance zu wahren, in die Ruhe einzukehren, ist außerdem die beste Unterstützung unseres Immunsystems, das durch Angst geschwächt wird.

Lenken Sie Ihren Fokus auf das, was Sie nährt. Im Internet gibt es viele Unterstützungsangebote. Die Berliner Philharmoniker z.B. stellen für eine gewisse Zeit ihre gespeicherten musikalischen Konzert-Schätze kostenlos zur Verfügung. Verbinden Sie sich, bleiben Sie nicht in der Isolation, auch wenn sie aufgrund freiwilligen Rückzugs, erforderlicher Quarantäne, Krankheit oder Betreuung von Kindern und bedürftigen nahestehenden Personen in Ihrer Wohnung bleiben. Nähren Sie sich mit guten Nachrichten. Überlegen Sie, wie Sie in dieser Zeit des Wandels sich selbst und andere am besten unterstützen können. Wir alle atmen gemeinsam. Wir alle sind in diesen Zeiten gemeinsam. Gemeinsam lernen wir, mit der Veränderung der Welt umzugehen.

Sehr herzlich

Eva Scheller