4. September 2018

Hitze und Kälte – Übung

Es ist ein wunderbarer Spätsommermorgen. Während immer noch Tomaten reifen und meine Paprika daran arbeiten, die Farbe zu wechseln, tragen die Heckenrosen Hagebutten und der Walnussbaum verliert seine ersten Blätter. Regen ist seit einer Woche nicht gefallen. Der Sommer war (auch) in diesem Jahr nicht nur im Norden Deutschlands im Zentrum ständiger Kritik zwischen – zu kalt zu nass zu heiß -…. Wie passend, dass ich bei der Vorbereitung für die Kleine Praxis der Achtsamkeit letzte Woche eine Übung bei Jan Chozen Bays* entdeckte, die „Hitze und Kälte“ heißt. Die Aufgabe besteht darin, während einer Woche auf die Empfindungen von Hitze und Kälte zu achten und jede Reaktion auf die Temperatur oder Temperaturveränderungen zu bemerken. „Üben Sie, gelassen zu sein, ganz gleich, welche Temperatur herrscht.“
Nach meiner Wahrnehmung gibt es kein anderes Thema, das so gegenwärtig ist, wie das Wetter. Zum Wetter werden ständig Kommentare abgegeben und meist sind sie negativ. Das Wetter kann es einfach keinem Recht machen, dazu sind die Anforderungen der einzelnen Menschen an ihr vorgestelltes Idealwetter zu unterschiedlich. Und gleichzeitig gehört das Wetter zu den Umständen des Lebens, auf die wir absolut keinen Einfluss haben, außer, wir wandern aus und wechseln die Klimazone. Manche Leute erzählen mir, wenn es am Morgen regnet, sei ihr ganzer Tag schon gelaufen. Andere berichten, wenn es richtig warm werde, fühlten sie sich schrecklich und gingen nicht vor die Tür. Alles andere als gelassene Reaktionen auf eine nicht zu ändernde Tatsache. Das Wetter ist wie es ist. Und es ändert sich ständig. Für mich ist das Wetter eine wunderbare Metapher auf das Leben schlechthin: Das Leben ist, wie es ist. Und es unterliegt ständigem Wechsel.
Jan Chozen Bays erzählt von einer Pilgerfahrt in Japan im Monat August. Sobald ihre Gruppe einen Fuß vor die Tür setzte, fühlten sich alle wie in der Sauna. Schweißnasse Kleidung mit weißen Rändern und salzverkrustete Haut. Den Pilgern fiel es schwer, ihrem Unbehagen nicht Luft zu machen. Allerdings bemerkten sie, dass die Japaner um sie herum, vom Kleinkind bis zu alten Menschen, scheinbar unbeeindruckt ihrem Tagwerk nachgingen. Das inspirierte die Gruppe, den „jammernden Geist“ loszulassen und für die Dinge, so wie sie waren, präsent zu sein.“Das uns von unserem Geist zugefügte Leiden verschwand und wir wurden sehr viel glücklichere Pilger.“

Kennen Sie den „jammernden Geist“? Bemerken Sie, wann er vorkommt? Abgesehen davon, dass es manchmal gut tut, sich eine Beschwernis von der Seele zu reden – ist der jammernde Geist in irgendeiner Weise hilfreich? Löst er Probleme für Sie? Bringt er kreative Ansätze, mit wechselnden Umständen gelassen umzugehen?

Laden Sie sich ein, Ihren jammernden Geist näher kennen zu lernen! Die Übung „Hitze und Kälte“ bietet dafür einen wunderbaren Ansatz. Halten Sie mehrmals am Tag inne, nehmen Sie ein paar bewusste Atemzüge und bemerken Sie Ihre Reaktion auf die Temperatur. Ist die Temperatur für Sie eher angenehm, unangenehm oder neutral? Ist es eher warm oder eher kalt, eher feucht oder eher trocken? Nehmen Sie Ihre damit zusammenhängenden Empfindungen als Empfindungen wahr. Wie fühlt sich die Hitze oder Kälte auf der Haut an, wie ist es, Hitze oder Kälte einzuatmen, welche Körperempfindungen haben Sie, wenn Sie schwitzen und Schweißperlen auf Ihrer Stirn entstehen oder wenn Sie frieren und ihre Haut sich zur Gänsehaut zusammenzieht? Wenn Sie frieren – wieviel Prozent Ihres Körpers sind wirklich kalt? Wenn Sie schwitzen – wieviel Prozent Ihres Körpers sind wirklich warm oder heiß? Gibt es neben der Empfindung von Hitze oder Kälte noch andere Empfindungen?
Vielleicht machen Sie sich einmal am Tag, z.B. morgens, Notizen über Ihre Beobachtungen. Vielleicht stellen Sie fest, dass Sie auf die gleiche Außentemperatur an unterschiedlichen Tagen ganz unterschiedlich reagieren. Und vielleicht stellen Sie fest, dass Ihre Reaktionen auf das Wetter sich verändern.

Viel Spaß beim Erkunden von Hitze und Kälte!

Zum Abschluss noch ein Gedicht von Meister Ryokan**

Jetzt gehören die abgeernteten Felder
den lärmenden Grillen;
Bündel von schwelendem Reisstroh
erfüllen die Ebene mit Dunst.
Bauern sitzen an ihrem Herd,
erfreuen sich der längeren Abende,
Flechten Matten
und bereiten sich auf den Frühling vor.
Wenn Bauernfamilien zusammenkommen und reden
Dann werden die Worte
„falsch“ und „richtig“ nie benutzt.

* Jan Chozen Bays: Achtsam durch den Tag – 53 federleichte Übungen zur Schulung der Achtsamkeit (4. Auflage 2014, Windpferd Verlag).
**Meister Ryokan: Alle Dinge sind im Herzen – Poetische Zen Weisheiten (Herder Verlag 2013)