22. Mai 2020

Grün. Vielleicht auch eine kleine Polemik.

 

 

Welche Beziehung haben Sie zur Farbe Grün? Was denken Sie über Bäume? Wie stehen Sie zu so genanntem Unkraut? Gehen Sie spazieren? Kennen Sie Waldbaden? Wenn Sie in der Stadt wohnen – wo ist Ihr nächstes Grün?

Straßenbegleitgrün. Als ich zum ersten Mal den Begriff für die Gräser und Gehölze im öffentlichen Raum hörte, hielt ich das für einen Witz. Ehrlich gesagt, ich halte es immer noch für einen Witz, allerdings für einen sehr schlechten.

Wir haben uns so daran gewöhnt, dass bestimmte Dinge wichtiger sind als andere und dass dem, was wir als wichtiger betrachten, ein natürliches Vorrecht eingeräumt wird. Das Wichtige ist mehr wert. Meinen wir.

Das natürliche Vorrecht der Straße gebenüber dem Grün. Das Grün darf begleiten, wie in manchen Kulturkreissen Frauen immer ein paar Schritte hinter ihren Männer gehen müssen. So hält die geringere Wertigkeit das Grün auf Abstand, manchmal bis zur Unkenntlichkeit verschleiert. Was wichtig ist, bestimmt selbstverständlich der Mensch, traditionell nur der männliche, das ändert sich zumindest bei uns in gewissem Maß.

Die Herrschenden haben sich früher auf ihr unhinterfragbares, Gott gegebenes Recht berufen. Der heutige Mensch ist auch nicht viel anders drauf als die Könige, Päpste, Kaiser vergangener Zeiten. Ja, das Tierwohl wird mittlerweile gesetzlich geschützt und um die Natur kümmern sich BUND, NABU, Greenpeace. Nur wissen wir, wer regelmäßig den kürzeren zieht.

Im Winter habe ich am Hamburger Hauptbahnhof eine Werbung des Magazins Der Spiegel gesehen. Ihr Wortlaut in etwa: Millionen Jugendliche protestieren für das Klima. Hundertausenden von Erwachsenen ist das egal.

In der Erwachsenenwelt ist die eigene Bequemlichkeit am wichtigsten und hat eine absolut höhere Wertigkeit als die Natur und das Klima, sonst sähe unsere Welt anders aus. Auch wenn Sie persönlich es radikal konsequent anders halten, die überwiegende (erwachsene) Menschheit tut dies nicht. Wer würde schon von Schweden aus per Bahn und Segelschiff in die USA reisen?

Nun denken viele Menschen darüber nach, ob und in welcher Weise sich die Erfahrungen der Pandemie auf das Klima auswirken könnten. Perspektivisch, nicht nur kurzfristig. Die kurzfristigen Veränderungen sind signifikant und beeindruckend.

In der ZDF Mediathek können Sie sich ein paar Anregungen zu dem Thema holen: planet e. pandemie – Wie die Umwelt profitiert.

Nur: kehren wir in die gewohnte Normalität zurück, ist es schnell wieder vorbei mit z.B. klarem Wasser und Fischreichtum in Venedigs Kanälen.

Um auf das Straßenbegleitgrün zurückzukommen: Noch ist In unserer Weltsicht die Straße die Hauptsache. Das Grün darf begleiten, wo es passt. Oft passt es nicht oder nicht zu den Regeln, die das Grün für sich vorgesehen hätte. Betonbetten begradigen Flüsse, Betondecken, Gitter, Zäune, verhindern das Wachstum von Pflanzen. Wir sehen Bäume und Büsche gezähmt, manchmal bis zur Unkenntlichkeit bedeckt, zurecht gestutzt, eingemauert. Wenn wir die Natur in den Städten wirklich sähen, hätte sie andere Lebensmöglichkeiten.

Können Sie in Ihrer Geschäftigkeit auf den Wegen von A nach B innehalten für ein paar Augenblicke und anfangen, Grün wirklich zu sehen? Können Sie mit liebendem Blick auf das Grün schauen, das Ihnen begegnet, gleich in welcher Gestalt?

Eine von Frankreich ausgehende Bewegung lenkt die Blicke der PassantINN_en auf das sogenannte Unkraut in der Stadt.

Wie?

Durch Botanik Nachhilfe in Street Art Form!

Die britische Tageszeitung The Guardian berichtete darüber am 1. Mai 2020. Sie müssen den Artikel nicht lesen, aber schauen Sie sich die Fotos zum Text an!

Mit Kreide geben Botaniker RebellINN_en (Guardian: Rebel Botanists) den „Unkräutern“ die Identität zurück. Auch was ganz klein ist und unvertraut, hat einen eigenen Namen.

Wie wichtig sind Namen. Wie viel Mühe geben Eltern sich, für ihre Kinder einen Namen zu finden. In der Namensgebung und Namensnennung drückt sich Wertschätzung aus. Wie kostbar ist der Name eines geliebten Menschen und wie gerne sprechen wir ihn aus. In dem Moment, in dem wir statt einer Sammelbezeichnung (Unkraut, Straßenbegleitgrün) den individuellen Namen nennen, stellen wir eine Beziehung her.

In der Bibel (Jeseia 43,1) heißt es: „… ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“.

Deshalb, meine ich, ist das wirklich eine Rebellenbewegung, dem gering geschätzen Grün in der Stadt die Namen zuzuordnen. So wird ihm eine andere, höhere Wertigkeit gegeben. Und mit jeder Namensnennung implizit die Frage gestellt: Wie wichtig sind Beton und Straßen wirklich?

Auch wenn Sie jetzt nicht gleich loslaufen und anfangen, an die Haustür jedes Gräsleins seinen Namen in Kreide zu schreiben – vielleicht üben Sie einfach Wertschätzung für das kleine (oder größere) Grün?

Wie?

Für StädterINN-en:

  1. Nehmen Sie sich vor, wenn Sie das nächste Mal aus dem Haus gehen, um zur Arbeit zu fahren oder einzukaufen etc., Ihren Blick auf das Grün zu richten, vor allem das kleine Grün zwischen Bodenplatten, an Hausmauern, hinter Zäunen.
  2. Bemerken Sie einfach, dass es da ist, dass es einen Namen hat und manchmal sogar Heileigenschaften. Bedenken Sie, wieviel Kraft und Ausdauer dazu gehören, sich in einer so unwirtlichen Gegend anzusiedeln.
  3. Wenn sich das nicht zu seltsam für Sie anfühlt: bedanken Sie sich bei dem Grün für seine Anwesenheit, die Stadtstein und Stadtbeton ein wenig bunter macht.

Für Park- und WaldbesucherINN_en:

Waldbaden!

Was ist das?

Im Grunde nichts anderes, als langsam und mit großer Aufmerksamkeit für die Bäume und das Atmen spazieren zu gehen. Zwischendrin immer wieder zu pausieren. Sich dem Gefühl hinzgeben, dass die Haut, der Körper, der Geist, die Lungen umspült sind von der reinigenden und nährenden Kraft der Bäume. Sie nehmen gleichsam ein Bad in der Energie der Bäume. Und stellen eine Beziehung her zwischen sich und dem Baum.

Wenn Sie dem weiter nachgehen und die wissenschaftlichen Gründe erfahren wollen, warum das Spazierengehen zwischen Bäumen gut tut: Waldbaden wurde in Japan erfunden und die Wirkweise der Waldmedizin wurde und wird sehr intensiv erforscht. Das lässt sich in einer Reihe von Büchern nachlesen, wo Sie auch weitere Anregungen zum Üben finden, z.B. Die wertvolle Medizin des Waldes von Dr. Qing Li.

Und wenn Sie noch eine Inspiration haben wollen, um Ihre Sensibilität für den Wert des gering Geschätzen zu schulen: Lesen Sie die Erzählung Die Hundeblume von Wolfgang Borchert.

Herzliche Grüße

Eva Scheller

PS: Auf die Rebel Botanists wurde ich aufmerksam über die Plattform https://goodnews.eu/, die mich und alle, die sich anmelden, 5 Mal in der Woche mit guten Nachrichten versorgt. Kostenlos.