12. März 2020

Grenzen. Los.

Ich übernachte bei Freunden. Die Familie ist verreist. Vor der Abfahrt haben die Kinder die Fensterflächen im Wohnzimmer mit gezeichneten Porträts bedeckt. Ich weiß genau, wer wer ist, die Namen der Personen sind zu den Köpfen dazu geschrieben. Da sind die Kinder selbst, ihre Eltern und Großeltern, der Hund der Oma, Freunde der Familie. Ich bin auch da und gucke freundlich in die Welt. Und dann sehe ich ein hübsches zackiges Kugelporträt. Darunter steht: Corona Vire. Ich bin zuerst verblüfft. Und dann denke ich: genial. So ist es. Corona, eine von uns. Die Kinder haben das genau erfasst. Der Virus gehört zur Familie, hat er doch ihren geplanten Skiurlaub in einem Risikogebiet zu Ferien am dänischen Strand verwandelt. Der Virus gehört zum Alltag in dem dünn besiedelten ländlichen Gebiet, in dem ich lebe, weil die Menschen dort, obwohl sie nicht zu Großveranstaltungen und Fernreisen neigen, für den Fall der Fälle Einkaufswagen vollladen. 2 Wochen Überleben ohne Supermarktbesuch garantiert. Der Virus gehört zur Börse und zur Wirtschaftslage. Er ist auch überall da, wo er tatsächlich gar keinen anstecken kann. Also keinen Menschen. Doch offensichtlich bekommen auch Aktienkurse Fieber.

Ich schaue mir an, was so in der Welt um mich herum passiert. Ob ich mich wundere? Nun, ich bemühe die Statistik. Am 11.3. abends 3 bestätigte Todesfälle in Deutschland, ca. 1700 Erkrankungen. Wir sind 80 Millionen. Eine Bekannte sagt, Angst habe sie nicht. Nur könne sie durchaus den Überlegungen eines Journalisten folgen, der schrieb, wir sollten nicht von Hysterie sprechen, sondern von Vorsicht. Im Radio die Nachricht, dass die Erkrankungszahlen in China drastisch gesunken seien und Sonderkrankenhäuser wieder geschlossen würden. Ich bin eine Freundin guter Nachrichten. Ich weiß, auch das wird vorübergehen. Einfach deshalb, weil alles vorüber geht.

Am Morgen des 12.3., rund 1900 bestätigte Fälle in Deutschland, die USA untersagen Einreisen aus 30 europäischen Ländern, Flüge werden gestrichen, irgendwo lese ich, zu den die neuesten Empfehlungen gehöre die Aufforderung, die Notwendigkeit privater Kontakte zu hinterfragen. Ich bemühe wieder die Statistik und bemerke, dass sich in mir Verwirrung ausbreitet. Für mich passen Anlass und Auswirkungen immer weniger zusammen.

Was passiert hier gerade? Was ist an dieser Krankheit anders, als an anderen hochansteckenden, neuen Erkrankungen, die von keiner geografischen Grenze aufgehalten werden ? Ist es die Art der Krankheit? Oder ist es doch unsere Reaktion? Mir scheint, es ist unsere Reaktion. Ist sie hysterisch? Oder ist sie nur in noch nie da gewesener Weise vorsichtig? In vager Weise fühle ich mich erinnert an das, was ich über das Grassieren der Pest gelesen habe. Gestern war ich noch die Freundin guter Nachrichten, jetzt verdunkeln sich mit einem Mal die Referenzmodelle. Und ich bin im Mittelalter gelandet. Und plötzlich kommen Zweifel auf. Ob ich naiv bin. Ob ich meine Praxis schließen soll. Ob am Wochenende das lange geplante Patenkinder-Patentanten-Treffen stattfinden soll……..

Aha, denke ich, so wirkt Angstenergie. Angst ist ansteckend. Angst ist überhaupt die gefährlichste Infektionskrankheit, die ist gibt. Sie bringt unser System in den automatischen Überlebensmodus. Das gilt für den einzelnen Menschen wie für eine ganze Nation. Angstbasierte Antworten auf als Bedrohung empfundene Umstände machen es unmöglich, klare und mitfühlende Entscheidungen zu treffen. Sie sind rein reaktiv und engagieren den Tunnelblick für den besten Fluchtweg. Zur automatischen Reaktion gehören Ausgrenzung und Abschottung. Wir können Grenzen dicht machen und Demonstrationen veranstalten, die sich gegen Menschen richten. Die Nachbarin Corona können wir nicht ausschließen.

Ich beobachte, wie sich die Angst, die meine Zweifel nährt, verhält. Ich bemerke, wie der Angstpegel steigt, wenn ich an die Nachrichten denke, die ich gerade gelesen habe. Weil ich mir vorstelle, dass alles zusammen brechen könnte. Wirklich alle System. Wegen einer Krankheit, deren „Todesrate“ ca 3,4 % beträgt. Ich bemühe wieder die Statistik. Doch wo in dem ganzen Wust von Abschottungsreaktion ist eine sichere Insel? Kann das die Statistik sein?

Stellen Sie sich vor, Sie seien ein hochkomplexes energetisches System. Die Energie dieses Systems wird  genährt durch eine Reihe von Kabeln, die in externen Energiequellen stecken. Wie Sie sich fühlen, hängt davon ab, wo Sie Ihre Stecker verankert haben. Sie können zwar frei wählen, wo Sie sich Ihre Energie herholen. Aber in vielen Fällen nehmen Sie einfach die Energiequellen, die Sie am naheliegendsten finden, weil mehr oder weniger alle anderen Menschen in Ihrer Umgang die selben Quellen benutzen. Es ist gar nicht so einfach, sich dem zu entziehen, was alle tun. Passenderweise gibt es dafür den Ausdruck, gegen den Strom schwimmen.

FAZ.net schreibt am 3.3.(Wirtschaftliche Auswirkungen): „Doch schlimmer als der Erreger selbst ist womöglich die übertriebene Furcht, die er bei vielen Menschen auslöst. Auch darin liegt eine Parallele zur Finanzkrise, als eine zu große Vertrauensseligkeit von einem Tag auf den anderen in übersteigertes Misstrauen umschlug. „Die Wirtschaft kann enormen Schaden davontragen – nicht durch das Virus selbst, aber durch unsere Angst davor“, sagt der renommierte Risikoforscher Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.“

Ich persönlich möchte mich nicht nähren von der Angst und durch meine eigene Angst zur allgemeinen Angst beitragen. Also, wie ziehe ich meinen in der Angstquelle verankerten Stecker? Zunächst verordne ich mir Nachrichtendiät. Und natürlich wasche ich mir gründlich die Hände, wenn ich unterwegs war. Und ich erinnere mich ans bewusste Atmen. Daran, meinen Körper zu spüren und in den Himmel zu blicken. Stelle mir meine innere Balance vor wie ein Metronom, das nach heftigen Ausschlägen zur Ruhe kommt und sich erholt.

Jack Kornfield schreibt in seinem jüngsten Newsletter (Calm. Clarity. Compassion):

„Wenn Sie ein Leben in der Balance leben wollen, versuchen Sie das: Schalten Sie die Nachrichten für eine Weile ab, meditieren Sie, hören Sie Mozart, gehen Sie im Wald oder in den Bergen spazieren. Fangen Sie an, selbst zu einer Friedenszone zu werden. Lassen Sie die neueste Story los. Hören Sie tiefer zu. Wenn wir auf Unsicherheit mit Angst reagieren, verschlimmern wir das Problem – wir schaffen eine Gesellschaft voller Angst. Stattdessen können wir Mut und Mitgefühl einsetzten, um in Ruhe reagieren, mit einem furchtlosen Herzen.“

In diesem Sinne: ziehen Sie den Stecker aus der Angst. Stöpseln Sie ihn ein in die Energie der Balance. Das ist die beste Medizin in Zeiten der Verunsicherung. Und erinnern Sie sich: Auch das wird vorbei gehen.

Herzliche Grüße

Eva Scheller