30. Dezember 2019

Erinnerungen. Fragen. Enden.

Das Hotel hängt mir eine Welt am Sonntag an die Zimmertür. Ich habe die Zeitung nicht bestellt. Trotzdem blättere ich darin und finde ein Interview mit der Sängerin Stefanie Kloß, die Auskunft gibt über ihre Terminplanung der nächsten Tage. Die nächsten Tage beinhalten den Jahreswechsel. Silvester bleibt sie in ihrer Wohnung in Berlin und geht auf keinen Fall ans Brandenburger Tor.  Was machen Sie Silvester? Gehen Sie an öffentliche Plätze zur Begrüßung des Neuen Jahres? Gehören Sie zu den Deutschen, die zum Silvesterumsatz der heimischen pyrotechnischen Industrie beitragen, die überwiegend in China fertigen lässt? 113 Millionen Euro gingen zum Jahresende 2018 in Rauch auf, der Umsatz für 2019 wird ebenso hoch geschätzt (s. Statistik). Ich frage das nicht, um den moralischen Zeigefinger zu heben. Ich frage das, weil wir als Gemeinschaft uns entscheiden, bestimmte Dinge zu tun und andere zu unterlassen. Meist denken wir gar nicht darüber nach, dass wir uns auch anders entscheiden könnten. Können Sie sich vorstellen, den Jahreswechsel anders zu verbringen als üblich? Wenn ja, in welcher Weise anders? Wenn nein, warum nicht?
Ich mache nichts. Meine persönliche Statistik für Silvester besteht überwiegend aus „Nichts machen“. Oft habe ich den Jahreswechsel verschlafen. Als ich ein kleines Kind war, verbrachten wir Silvester meist beim Skifahren. Mein Vater hatte 3 Raketen dabei, die er nacheinander in eine leere Bierflasche steckte, anzündete und dann schnell zurück trat. Er schärfte mir großen Respekt vor der Sprengkraft so einer Rakete ein, die hübsche Sterne in der kalten Winternacht entzündete,  bevor sie viel zu schnell verlosch. Vielleicht hätte ich gerne mehr als 3 Raketen gehabt, ich weiß es nicht mehr. Wahrscheinlich war ich einfach pragmatisch mit dem Wünschen, es hätte ja keinen Sinn gehabt, sich etwas anderes zu wünschen als das, was mitten in den Bergen im Schnee verfügbar war. Als Jugendliche verbrachte ich Silvester in der Stadt, meist in der Wohnung von Freunden. Ich hatte Angst vor den detonierenden Krachern, ich hatte schon Angst am Nachmittag, wenn Kinder die Passantinnen mit Knallfröschen erschreckten. Ich fühlte mich wie inmitten einer Kriegshandlung. Auch Hubschrauber machten mir Angst und brachten Bilder von Luftangriffen. Seltsam, wie der Erhalt einer nicht bestellten Zeitung Erinnerungen wecken kann. Und seltsam, wie ein Mensch Erinnerungen haben kann, die nicht aus der eigenen Lebenszeit stammen.
Mein Silvester ist bereits seit vielen Jahren frei von fremden Erinnerungen und frei von (lauten) Festen. Das letzte Mal war ich vor 11 Jahren auf einer Silvester Party. Die nachhaltigste Erinnerung daran: der schier undurchdringliche Rauchnebel, der von den Feuerwerken zurück blieb und mich zwang, kurz vor ein Uhr mein Fahrrad nach Hause zu schieben und mir den Weg schleichend zu ertasten. Ich konnte die Hand nicht vor den Augen sehen.

Im vergangenen Jahr war ich über Silvester bei einem sechstägigen Schweigeretreat. Ich finde, der Jahreswechsel gehört zu den besten Zeiten für Kontemplation und Reflektion. Etwas findet ein Ende, etwas anderes beginnt. Das eine hört auf, das nächste fängt an. Was verbinden Sie mit Enden und Neubeginn? Sprechen Sie ernsthaft mit Ihren Freunden, mit Ihrer Familie über das, was Sie hoffen und wünschen? Ich meine jetzt nicht die Neujahrsvorsätze und -versprechen, die in vielen Fällen bald vergessen und gebrochen sind. Ich meine, wirklich ernsthaft fragen, zuhören, nachdenken. Was möchten Sie im Alten Jahr lassen? Was soll mit 2019, mit der vergangenen Dekade ebenfalls sein Ende finden? Hoffen Sie auf einen bestimmten Neuanfang in 2020? Was verbinden Sie mit dieser Hoffnung? Was verbinden Sie mit der Fähigkeit, zu hoffen? Was wollen Sie für sich selbst tun? Für Ihre Familie und Ihre Freunde? Für Ihre Gemeinde, Ihr Dorf oder Ihre Stadt? Ich finde es spannend, solche Fragen zu stellen. Immer wieder habe ich die Erfahrung gemacht, dass Menschen sich lieber entziehen, als in die Tiefe zu gehen. Möglicherweise kommt uns die Fähigkeit zur Reflektion und Kontemplation in dem Maß abhanden, in dem die schnelle, kurze Kommunikation mittels elektronischer Medien zunimmt. Für mich und für die Menschen, die mir am Herzen liegen, hoffe ich auf viel Zeit, um Karten und Briefe mit der Hand zu schreiben. Und ich hoffe auf viele Möglichkeiten, einander ernsthaft zu fragen, nach Hoffnungen, Wünschen und nach Erinnerungen.

Kommen Sie gut ins Neue Jahr!

Herzliche Grüße
Eva Scheller